Zehn Jahre fast mag es her sein, als ich mich eines Novembermorgens nach
durchfahrener Nacht in Lyon wiederfand. Bitterkalt trotz Sonne, verflixt,
war ich doch sehr sicher gewesen, Lyon sei weit genug im Süden, um mit einer
dünnen Decke bedeckt die Stunden bis zum Konzert vor der Halle noch
ein wenig im Auto zu ruhen.
Ein Robbie Willams-Konzert…
Der Grund auch, warum ich den Liebsten im Streit zuhause gelassen und
mich alleine auf die Fahrt gemacht hatte.

Da stand ich nun also in dieser riesigen Stadt, ohne Plan und ohne
Stadtplan, nur kalt war mir und ich lief los, an der Rhône entlang und
durch zwielichtige Viertel und viel Industrie, bis endlich ein Hauch
von Zentrum erschien und das erste Café Tabak den frierenden Füßen
Asyl gewährte.
Ein Café au Lait, ein Croissant, eine Packung Gitanes und dazu das abgegriffene
Buch, das ich noch schnell aus dem Bücherschrank meiner Mutter gezogen hatte:
Hermann Hesse – Knulp

Die Stunden vergingen, der Rauch vieler Gitanes vermischt mit dem der kommenden
und gehenden Gäste, der Milchkaffee nach drei Tassen durch Weißwein ersetzt.
Und Tränen liefen.

Nun sei einmal zufrieden”, mahnte Gott, “was soll das Klagen nützen? Kannst du
wirklich nicht sehen, dass alles gut und richtig zugegangen ist und dass nichts
hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein Herr oder ein Handwerks-
meister sein und Frau und Kinder haben und am Abend das Wochenblatt lesen? Würdest
du nicht sofort wieder davonlaufen und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogel-
fallen stellen und Eidechsen zähmen?

Niemals zuvor und nie danach hat mich ein Buch so tief erfasst.
Während ich schluchzend die letzten Seiten las, legte der Wirt mir freundlich
seine kräftige Hand auf die Schulter:
“Tout va bien se passer!”

Ein Deutschland ist darin, das niemand kennt, selbst wir Deutschen nicht…
ein unvergängliches Stück Kleindeutschland, ein Spitzwegbild und gleichzeitig
voll reiner Musik wie ein Volkslied
“, schreibt Stefan Zweig.

Und so wird mir bis heute schwermütig ums Herz, wenn ich ein Croissant in
Milchkaffe tunke und der Rauch von Gitanes den Raum erfüllt.

Meine Croissants habe ich gebacken nach Aurélies Rezept, jedoch mit 405er Mehl
und drum die Flüssigkeitsmenge etwas angepasst.

Liebe Shermin,
diesen Beitrag widme ich dir und deinem wunderschönen, leider etwas
unbeachtetem Event “Lesehunger!”.
Ich wünsche dir, dass durch die Verlängerung noch viele Beiträge
zustande kommen!