I

Steil schlängelte sich der Pfad durch den Herbstwald.
Sie raffte ihren Rock, stieg über den letzen großen Stein, den vor Menschen-
gedenken die guten Geister wie eine Stufe nur für sie in den Berg gebettet
hatten, und betrat den Sonnenschein.
Durchatmen.
Hier war sie zuhause, hier bekam sie die Luft, die ihr sonst fehlte.
Die Obstbäume vor ihr strahlten in goldenen Farben, noch war Grün in der Wiese und
Blau im Himmel. Ein paar letzte Äpfel hingen, durften hängen bleiben.
Ein Opfer an die Geister und die Vögel.
Bald kämen Grau und Schwarz zurück, würde der Waldrand zum Dunkel und Schatten,
bevor gnädiges Weiß ihr die Ängste nähme.
Unwillig richtete sie die Nadeln im verhassten Zopf, lang und schwer, hochgesteckt
am Kopf wie eine viel zu dicke Mütze Gedanken erdrückend. So wollte es der Mann
und nur ein einziges Mal hatte sie zur Schere gegriffen.
Energisch schüttelte sie kalte Schauder und bittere Erinnerung ab.

Nie gab es ein Leben ohne die Wiese. Die Wiese war ihre Kindheit, ihr Erbe, ihre Flucht.
Sie nahm den Korb wieder auf und schaute sich um. Beim alten Birnbaum blitzte es
weiß auf, ihr Gespür hatte sie nicht verlassen. Da waren sie: die ersten Champignons!
Behutsam schnitt sie mit ihrem kleinen Messer vier der Schönen knapp über der Erde ab,
reinigte sie vorsichtig mit dem groben Stoff ihres Rocks und atmete frischen Herbst.
Jeden bat sie um Verzeihung dafür, was mit ihnen passieren solle.
Der Mann wolle es so, murmelte sie, das könne man nicht ändern.
Nie könne man es ändern.
Sie kannte ihre Wiese, fand schnell genug, den Korb zu füllen. Streichelte sacht über
alle Kappen, roch an jedem, wiegte sie kindgleich in ihren Armen. Nur noch dieses
eine Mal, versprach sie ihnen, nur noch dieses Mal.

Der große Eichenmann am Waldrand rauschte, flüsterte, wartete schon.
Ehrfürchtig schaute sie hinauf, dunkle Äste gegen hellen Himmel, rostbraune Blätter
bewegt vom leisen Wind. Hier lebten Jahrhunderte, viele hatte er kommen und gehen
sehen und er erzählte ihr freundlich davon, als sie die Stirn an seinen gefurchten
Stamm legte. Sie spürte seinen Geist in sie eindringen, nur ihm war das möglich, ihm,
der sie kannte wie kein anderer. Warm sprudelten unbekannte Kraft und Zuversicht
in ihr, als er ihr Blut gegen seines tauschte.
Sie verstand.
Noch einmal zückte sie ihr Messer, um zwei letzte Pilze zu schneiden.

II

Als sich der Schlüssel im Schloss drehte, huschte sie ins Mauseloch.
Sie horchte auf das gefürchtete Donnern der Treppe:
Der Mann war da.
Während sie die geschnittenen Pilze in die mehlige Sauce rührte, zog sie ihren Kopf
noch weiter ein. Waren die drei Flaschen Bier neben die Heizung gestellt? Hatte sie
die Zeitung bereit gelegt und die abgetragenen Hausschuhe? Kurze Panik überkam sie,
hielt auch noch an als sie sicher war, alles erledigt zu haben.
Sie machte nie alles richtig, das hatte der Mann ihr immer gesagt und er hatte doch
auch recht, nicht wahr? Immer vergaß sie, den Sessel gerade zu rücken oder den
Schnaps aufzufüllen, den er nach dem Essen brauchte. Weil sie doch so schlecht
kochte, dass er es ohne Schnaps nicht ertragen könne – ob sie ihn vergiften wolle?
Champignons in Mehlsauce, seufzte sie kurz auf.
Der Mann wollte es so.
Und dann den Schnaps.
Geduckt trug sie mit geschlossenen Augen die zwei Schüsseln mit Kartoffeln und
Pilzbrei in die Stube, stellte ab, drehte sich um, schnell zurück und weg von hier.
Der Mann hatte den Fehler gefunden.
Die Fernbedienung lag nicht auf der Sessellehne!
Mistweib, verdammtes, zu nichts taugst!

Mauseloch! Flucht! Licht aus!
Am Küchentisch sitzend harrte sie aus, Stunde um Stunde. Hörte im Morgengrauen
Fluchen und Schimpfen, Jammern und Winseln.
Keinen Arzt solle sie rufen, schrie der Mann. Quacksalber alles, Halsabschneider die!

Sie musste nur warten, dort am Küchentisch.
Zuerst kehrte das Poltern der Treppe zurück.
Am Morgen des elften Tages dann
war es endlich still.

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Meine lieben Freunde von 180° gaben mir völlig freie Hand
bei der Gestaltung des Adventskalendertürchens.
Das habt ihr nun davon!